Herbergsuche in Langenlois

...gelesen von Nikola in der Mette, erlebt und geschrieben von Gabrielle, mittendrin Ghanems Familie, miterlebt von Fritz, Hans, Same und allen Gästen der Pizzeria am Kornplatz:

In der Maurerschule in Langenlois wohnen drei Palästinenser. Es sind zwei Brüder, Ghanem und Tamer, und Ghanems neunzehnjähriger Sohn Mohammad.

"Family comes. Now Mazedonia", sagt Ghanem, als wir uns das erste Mal zum Schach- und Backgammonspielen treffen. Seine Familie, das sind seine Frau, sein achtzehnjähriger Sohn, seine beiden Töchter, sechzehn und dreizehn Jahre alt, und der Jüngste, Ali, 8 Jahre alt.

Wir sitzen beim Svoboda und spielen. Fritz lädt uns alle auf einen Café ein. Ich spiele Backgammon und lerne eine arabische, weitaus spannendere Variante kennen. Sie wird mir mit Händen und Füßen erklärt. Ganz verstehe ich sie nicht. "You. Backgammon. Not good" Ja, das stimmt, das muss ich zugeben.
"Cards? Fiftytwo?" Also gut, nächsten Freitag werde ich ein Kartendeck mitbringen.

Am nächsten Freitag besorge ich mit Fritz noch schnell die Spielkarten. Wir kommen leicht verspätet zu Same, dem syrischen Pizzabäcker. In seinem Lokal wollen wir diese Woche spielen. Dort aber ist alles in heller Aufregung. "Family! Family!" Die Familie von Ghanem ist angekommen. Da sind sie also: Ghanems Frau und seine vier jüngeren Kinder. Fritz gibt eine Runde "Chai", Tee, aus. Same dolmetscht.

Ich weiß, dass sich die Familie umgehend der Polizei stellen muss. Alle sind aufgeregt. "No police!" Sie deuten auf den kleinen Buben. "Father. No Father!" Sie zeigen mir, dass der Kleine weinen wird, wenn man ihn wieder von seinem Vater trennt. Same übersetzt. Aber es gibt keinen anderen Weg. Sie müssen zur Polizei. Ich bekomme einen Bruder ans Telefon, er ruft aus Amerika an. Er erzählt mir, dass die Familie an der österreichischen Grenze von der Polizei in einen Bus getrieben wurde. Dass sie mitten in der Nacht in Deutschland aus ebendiesem Bus wieder aussteigen mussten. Sie wollten nach Langenlois und landeten in "Germany". Trotzdem, sie müssen sich hier der Polizei stellen. Ich versichere ihnen, dass man bei uns in Österreich bestimmt keine Kinder ins Gefängnis steckt.

Hans vom Roten Kreuz ist für die Flüchtlinge in der Maurerschule zuständig. Er nimmt die Sache in die Hand, bringt die Pässe der Familie zur Polizei. Die Familie isst noch gemeinsam zu Abend. Dann muss Hans sie zur Polizeidienststelle bringen. Alle werden leibesvisitiert. Sie werden mit dem Polizeibus in die Erstaufnahmestelle nach St. Pölten gebracht. Sie verbringen die Nacht in der Arrestzelle. Hans bittet darum, ihn sofort zu informieren, wenn er sie zurückholen kann. Er hält Betten für die Familie bereit.

Am nächsten Tag wird Hans informiert, dass die Frau mit ihren Kindern nach Traiskirchen gebracht wurde. Am übernächsten Tag landen sie in Leoben. In Zelten. Sie haben einen Abschiebe-Bescheid nach "Germany" in der Hand, weil man sie dort in jener Nacht leider erstregistriert hatte. Sie haben Berufung eingelegt. Sie warten. Im Zelt.

Zeitgleich landen drei Flüchtlinge in anderen Quartieren hier in unserer Stadt. Zurückgeschoben. Per Flugzeug. Aus Deutschland und aus der Schweiz. Es ist ein gigantisches Billardspiel. Eine Herbergsuche. Für viele Menschen. (25. Dezember 2015)