Warum ich helfe

Heute früh hörte ich russische Kampfjets vorbeifliegen und laute Detonationen von Bomben: Das Ö1 Morgenjournal konfrontierte mich auf nüchternen Magen mit der Situation in und um Aleppo in Nordsyrien. Bald 90 000 Flüchtlinge drängen sich nördlich der Stadt an der Grenze zur Türkei. Ungefähr so viele, wie Österreich im ganzen Jahr 2015 aufgenommen hat.
(Foto rechts: AFP/InternationalBusinessTimes)

Ich spüre so etwas wie Erleichterung, als der Bericht vorbei ist. Es war nur im Radio! Was draußen tuckert, ist ein Sportflieger vom nahen Flugplatz Gneixendorf. So friedlich!
Für heute Nachmittag habe ich einen Besuch in einem Flüchtlingsquartier in Langenlois geplant. Ich besuche seit einigen Monaten ein- bis zweimal wöchentlich nur dieses eine Quartier, denn ich möchte mit den Bewohnern gut bekannt werden und auch sie sollen mich gut kennen lernen. Damit gegenseitiges Vertrauen entstehen kann.

Meine Kinder hatten von mir und in der Schule viel über Flüchtlinge gehört. Als ich Anfang Oktober meinen ersten Besuch plante, fragte ich sie, ob sie mitkommen wollten – echte Flüchtlinge kennen lernen: „Die gibt es jetzt auch bei uns in Langenlois!“ Sie stimmten begeistert zu. Als wir losfuhren, war ich sehr aufgeregt. Ich befürchtete eine irgendwie peinliche Situation. Sollten wir wirklich in das Haus zu diesen 8 unbekannten, irakischen Männern gehen? Nein, jetzt kein Rückzieher! Wir betraten mit einem gemeinsam gebackenen Zucchinikuchen mit dicker Schokoglasur und buntem Zuckerstreusel das kleine Haus.
Alle meine Befürchtungen waren nach ca. 15 Sekunden verflogen. „Besuch! Besuch!“ In der kleinen Küche, umringt von schwarzhaarigen jungen Männern begeistertes Händeschütteln. „Hallo, wie geht’s?“, sich gegenseitig vorstellen, acht Namen, die ich sofort wieder vergaß und ich mit meinem Namen, den keiner richtig verstand, die Namen der Kinder waren sofort in aller Munde … Lachen, Freude über den Kuchen, der sogleich von den Männern in Stücke geschnitten, auf Suppenteller verteilt und mit Messer und Gabel serviert wurde. Kuchenessen und danach holten wir unsere mitgebrachten UNO Spielkarten hervor. Wir wollten es versuchen. Es klappte ganz schnell und machte allen Spaß. Wer die Farben gelb, rot, blau und grün in der jeweils anderen Sprache noch nicht kannte, lernte sie schnell.
Als wir uns nach knapp zwei Stunden verabschiedeten, nahm ich ein außergewöhnliches Gefühl von Wärme und Freundlichkeit mit. Meine Kinder meinten auf der Heimfahrt, die Flüchtlinge seien wirklich so nett gewesen, wie sie sich diese vorgestellt hatten. Was für eine überraschende Begegnung!

Inzwischen war ich oft in diesem Quartier zu Besuch. Einige Männer haben einen positiven Bescheid über Asyl oder subsidiären Schutz erhalten und sind nach Wien gezogen, einige sind noch da und warten weiter. Neue sind hinzugekommen. Bis zu 11 Männer aus dem Irak und Afghanistan wohnen in dem kleinen Haus mit 4 Zimmern, Küche, Vorraum, Bad und WC. Sehr eng!
Interessante, berührende, lustige und herausfordernde Erfahrungen durfte ich in diesen Wochen sammeln. Ich möchte sie nicht missen! Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in Langenlois mit 3 Irakern an einem Tisch sitzen und mit ihnen auf dem kleinen Bildschirm eines Smartphones das Finale der Arabischen Fußball-Liga – Irak gegen die Emirate – verfolgen würde. Oder dass ich einen jungen Afghanen zu seinem ersten Schultag in die Gartenbauschule begleiten würde. Und dabei trug er meine warme Jacke, die ich im vorigen Jahr abgelegt hatte. Die minus 12 Grad machten ihm nichts aus: in Afghanistan kennt man strenge Winter.
Anders im Irak! „Wie heißt das auf deutsch?“ fragte mich M. und nahm mit skeptischer Mine vorsichtig eine Hand voll Schnee von meinem Auto. Auf arabisch sagt man „thäldsch“ – oder so ähnlich. Mit „th“ wie im Englischen „the“. Im Haus sind die Männer aus dem Irak in Shorts, T-Shirt und immer bloßfüßig in Flipflops unterwegs. Für draußen ziehen sie sich warm an, lange Hose, dicke Jacke, dicker Schal und Mütze tief über die Ohren, aber dabei noch immer bloßfüßig in den Flipflops. Ein witziger Anblick, über den sie selbst lachen! Socken und feste Schuhe kommen immer erst ganz zuletzt dran – scheinen wirklich nicht beliebt zu sein.
Immer wieder motiviere ich sie zur Teilnahme an Freizeitangeboten der Flüchtlingshilfe, z.B. Schach- und Backgammonspielen im Café oder Deutsch-Lerntreffs. Oder ich bringe Obst mit, das sie sich selbst um ihr knappes Geld nicht kaufen. Zigaretten, Zugfahrkarten zu Freunden und Handywertkarten sind ihnen wichtiger.
Als echte Herausforderung erwies es sich, F. einen Arzttermin, auf den er schon lange wartete, mitzuteilen. „Am 2.2. um 9:00 Uhr“ schrieb ich auf einen Zettel und malte ein Auge für den Augenarzt dazu. F. spricht arabisch, ein paar Brocken deutsch und englisch. Er schaute mich ratlos an. Zum Glück war sein Landsmann L. da, der ziemlich gut Englisch versteht und übersetzen konnte. Doch es war für beide schwierig, den 2.2. als Datum und 9:00 als Uhrzeit zu verstehen. Ich nahm den Kalender auf meinem Uralthandy zu Hilfe. Da zeigte sich, dass die beiden auch das aktuelle Datum nicht wussten und ich erinnerte mich endlich – die Muslime haben ja einen ganz anderen Kalender als wir!
Doch die Challenge ließ sich noch steigern: Y. aus Afghanistan hatte zwei Arzttermine, doch niemand war zum Übersetzen auf Farsi da und Y. kann weder lesen noch schreiben. Was tun? In seinem ausdrucksstarken Gesicht glaubte ich zu erkennen, dass er Angst hatte, die Termine zu versäumen, dass sie ihm wichtig waren und dass er bezüglich des Zeitpunkts nicht orientiert war. Es gelang mir mit Gesten ihm verständlich zu machen, dass bis zum ersten Termin noch längere Zeit hin war und bis zum zweiten doppelt so viel. Nun sah er beruhigt aus und zeigte mir seine Zahnlücke, wegen der er zum Zahnarzt wollte: zwei untere Schneidezähne fehlten. Er sagte: „Afghanistan“ und bewegte seine Faust gegen seinen Mund. Jemand hatte ihm die Zähne ausgeschlagen! Dann zeigte er mir eine Stelle auf seinem Hinterkopf, wo aufgrund einer Narbe keine Haare wuchsen und machte eine ähnliche Handbewegung. Zuletzt bedeckte er sein Gesicht mit einer Hand, wandte sich ab und schüttelte den Kopf.
Zuhause fand ich zwei kleine Kalender für 2016. Bei meinem nächsten Besuch brachte ich sie F. und Y. mit, wir trugen gemeinsam die Arzttermine ein, suchten das aktuelle Datum und zählten die Tage ab. Im Internet hatte ich gefunden, was „heute, morgen, Tag“ usw. auf arabisch bzw. farsi heißt und hatte es mir notiert. Y. fand es lustig, aus meinem Mund einige Wörter in seiner Sprache zu hören. Er nickte lachend - anscheinend hatte ich die Aussprache halbwegs getroffen. Da war alles klar. Beide freuten sich und ich mich mit ihnen.

So helfe ich, wo ich Bedarf finde. Und dabei helfe ich nicht nur den Männern aus dem einige 1000km entfernten Osten bei der Integration, sondern auch mir selbst! Ich bin vor 15 Jahren aus der nur 70km im Osten gelegenen Großstadt zugezogen. Seit ich bei der Flüchtlingshilfe mitarbeite, habe ich so viele Menschen in Langenlois auf so unkomplizierte Weise kennengelernt, dass ich nur staunen kann.
Der Lärm der russischen Kampfjets klingt in meinen Ohren nach und ich weiß, warum ich helfe. Wie gut, dass die Männer in dem kleinen Haus in Langenlois in Sicherheit sind! (Marie-Therese am 11.2.2016)